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PRESSEPORTRAITS ZU PROF. HEINZ LOHMANN

 

PRESSEPORTRAITS ZU DR. KONRAD RIPPMANN

 

Checkliste zu Prof. Heinz Lohmann

Der Netzwerker Prof. Lohmann ist einer der zentralen Akteure der deutschen Gesundheitswirtschaft. Nach seinem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften war er über 30 Jahre in der Gesundheitswirtschaft tätig und ist heute als Geschäftsführender Gesellschafter der LOHMANN konzept GmbH sowie der WISO HANSE management GmbH selber „Gesundheitsunternehmer“. Als solcher ist er umtriebig: So ist er Vorsitzender der „Initiative Gesundheitswirtschaft e. V.“, Präsident des Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg, des Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongresses in Wien sowie wissenschaftlicher Leiter des Kongresses „Krankenhaus, Klinik, Rehabilitation“ des Hauptstadtkongresses in Berlin. Eine Leidenschaft gilt aber auch der Kunst. Er ist Sammler und Förderer der experimentellen Gegenwartskunst „Change art“.

Ihr Idol als Jugendlicher
Idole waren damals eine problematische Sache. Der Gründer des „Stern“, Henri Nannen, hat mir aber doch imponiert, nicht zuletzt, weil ich auch Journalist, ehrlich gesagt, Chefredakteur werden wollte.

Ein Buch, das Sie zu dem machte, der Sie jetzt sind …
Die Lektüre war mir meistens zu mühsam und für die Schule reichte der Klappentext. Mich haben auf der Klassenreise die Bilder von Vincent van Gogh begeistert – insbesondere die im Kröller-Müller Museum hängende „Caféterrasse am Abend“. Vielleicht hätte ich gewarnt sein sollen, ist seine Kunst doch erst posthum anerkannt worden.

Sie haben heute Ihr Abi gemacht. Was würden Sie viel lieber werden wollen?
Ein sehr vermögender Galerist

Ihr Lieblingsort in Hamburg – warum?
C 15*, der Ausstellungsort unserer Sammlung, weil experimentelle Gegenwartskunst meine Frau und mich seit 40 Jahren begeistern.

Wen würden Sie heute gern einmal treffen und mal ordentlich die Meinung sagen?
Alle, die mich kennen, wissen, mit meiner Meinung halte ich nicht wirklich hinter dem Berg. Ich freue mich deshalb auf jeden, der sie hören möchte.

Ihr größtes gesundheitliches Laster
Mein Schreibtisch

Ihr typisches Frühstück
Apfel und Tee. Das Problem kommt abends: zunächst denke ich an einen Salat und esse dann doch immer wieder Spaghettini mit Trüffeln im „Made in Italy“ bei uns nebenan.

An einem Freitag Abend denke ich manchmal, die Akteure der Gesundheitswirtschaft sind alle ….
… hochkompetent und sehr charmant. Vielleicht sollten Sie mich noch einmal fragen, wenn ich nicht mehr in der Gesundheitswirtschaft tätig bin.

Ihr Rat an die nächste Managergeneration
Gesetze sind die Konsense der Vergangenheit. Deshalb empfehle ich meinen Studenten, sich auf die Wünsche der Kunden zu konzentrieren und Mut zum Wandel zu entwickeln.

Eine Buchempfehlung für Herrn Georg Baum (DKG)
„Die Moses Methode“ von Bernhard Fischer-Appelt, weil charismatische Fähigkeiten gefragt sind, um den Umstieg der Akteure der DKG aus dem Bremserhäuschen auf die Lokomotive zu organisieren.

* www.c15-hamburg.de

 

puls.b Magazin für die Akteure der Gesundheit Heft 4/2009


 

Die Zukunft im Blick

Geplant war seine Biografie völlig anders. Heinz Lohmann, 1948 in Emden geboren, hatte sehr genaue Vorstellungen von der Zeit nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Selbstständigkeit war sein Ziel, und der Journalismus hatte es ihm angetan. Mit beidem wurde es lange nichts – glücklicherweise. Denn statt Karriere bei der Zeitung zu machen, wurde Lohmann einer der Vordenker des Wandels vom Gesundheitswesen hin zur Gesundheitswirtschaft. Die scheinbaren Stolpersteine auf dem ursprünglich geplanten Karriereweg stellten sich noch jedes Mal als wichtige Weichen auf dem Kurs zu den ursprünglichen Wunschvorstellungen heraus. In Hamburg lenkt er als Präsident den Gesundheitswirtschaftskongress.

Bauen als Karrieregrundstein
Auf dem Weg von der Universität in den Berufsalltag verschlug es Heinz Lohmann zunächst in die Immobilienbranche: Er heuerte im Büro des Hamburger Architekten Martin Kirchner (1930–2003) an, der stets mehr als Bauen im Sinn hatte und sowohl Stadtplanung als auch soziale Aspekte in die Projekte einbezog. Hier agierte Lohmann als Entwickler, der die Interessen von Bauherren, Nachbarn und Stadt austarierte. „Selbstständig“, dachte er, als er das Jobangebot bekam, „kann ich mich ja immer noch machen.“ Der Job in Kirchners Planungsgruppe, die scheinbare Gegensätze verknüpfte, kam seinem Naturell dann auch entgegen. Lohmann ist einer, der nicht in Schablonen agiert, sondern über Grenzen hinaus denkt.

Ende der 70er-Jahre bekam er das Angebot, in die Pressestelle der Hamburger Gesundheitsbehörde einzusteigen – er hatte Medienerfahrung und kannte sich durch die Tätigkeit bei Martin Kirchner mit dem Bauen aus. Und zu bauen gab es bei den Hamburger Kliniken einiges. Weil er ja vom Journalismus geträumt hatte, nahm Lohmann das Angebot der Pressestelle an. Aber die Gesundheitsbehörde? Als seine Freunde von dem Angebot hörten, fragten sie: „Was willst du denn da?“ Verständlich, denn der Gesundheitssektor war damals eine höchst bürokratische Angelegenheit mit wachsenden Finanzproblemen.

Mehr Produktivität in der Klinik
1982 überführte die Hansestadt Hamburg – in der Hoffnung auf einen reibungsloseren und kostengünstigeren Betrieb – ihre kommunalen Kliniken aus der Gesundheitsbehörde in den Landesbetrieb Krankenhäuser (LBK). Weil aber jenseits der Kliniken noch hoheitliche Aufgaben zu lösen blieben, wurde die Abteilung Sozial- und Gesundheitsplanung gegründet. Der damalige Gesundheitsstaatsrat Friedel Gütt sprach Lohmann an. Der sagte zu. Selbstständig, dachte er, könnte er sich ja auch später noch machen.

„Da sind viele Ideen entstanden, die wir später erst umgesetzt haben“, erzählt er rückblickend. „Ich habe schon damals gedacht, dass wir die Trennung zwischen dem horizontalen Patienten, der im Krankenhausbett liegt, und dem vertikalen Kranken, der zur ambulanten Versorgung kommt, in eine diagonale Lösung führen müssten.“

In der Planungsabteilung lief es dank ausreichender Visionen so gut, dass Lohmann 1992 in den Vorstand des – noch immer schwer kränkelnden – LBK Hamburg wech­selte. Die Hamburger Kliniken waren damals unter den teuersten der Republik. Fünf Jahre später wurde Lohmann Vorstandssprecher. Doch da hatte er wichtige Weichen­stellungen für ein radikales Sanie­rungsprogramm schon vorbereitet: Das kommunale Klinikunterneh­men führte als erstes in Deutsch­land flächendeckend DRG-Abrech­nungspauschalen ein. Während auf politischer Ebene und bei den Krankenkassen diskutiert wurde, wie man unter dem Kostendruck mög­lichst schmerzarm die Leistungen senken könnte, zum Beispiel bei Medikamenten, propagierte Loh­mann mehr Produktivität in den Kliniken. „Es ist wie bei der ersten industriellen Revolution – allerdings mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Man muss heute nicht am Band eine standardisierte ,Tin Lizzy‘ nach der anderen produzieren wie Ford seit 1908, sondern differenzierte Produkte und Dienstleistungen herstellen.“ Flughäfen seien gute Muster für Krankenhäuser. „Das Flugzeug ist am teuersten, wenn es am Boden steht. Ein Operationssaal ist am teuersten, wenn er nicht genutzt wird.“

Lohmann privatisierte die Altersversorgung der Krankenhausmitarbeiter, deren Finanzierung die Kliniken wie eine finanzielle Garrotte zu erdrücken drohte, er lagerte Serviceleistungen aus und ging eloquent über Bedenken von Gewerkschaftern und Ärztevertretern hinweg. So richtig traute sich niemand, ihn offen wegen seines Sanierungskurses anzugreifen, denn tatsächlich sanken die Defizite.

Lohmann liebt es, seine Visionen und den Wandel in der Gesundheitswirtschaft mit der Herstellung ganz normaler Alltagsprodukte zu beschreiben. So wettert er seit Jahren gegen Budgets in Klinik und Praxis mit Hinweis auf das Münchner Hofbräuhaus: „Gäbe es dort Budgets, müsste man vor dem Ansturm der Japaner schließen.“

Vom Manager zum Berater
Organisieren, strukturieren, Marken entwickeln, Arbeitsteilung, Systempartnerschaften – das sind Bausteine auf dem Weg zur Produktivität, die Lohmann beizeiten bemühte, um das schwerfällige Schlachtschiff LBK auf Kurs zu bringen. Als die Freie und Hansestadt Hamburg den Verkauf des Klinikkonzerns mit seinen sieben Häusern beschloss, war für Lohmann der Zeitpunkt gekommen, seinen Traum von der Selbstständigkeit zu verwirklichen. Schon bei der letzten Vertragsverlängerung hatte sich der Vorstandssprecher die Option in den Vertrag schreiben lassen. Er machte sich als Berater in der Gesundheitswirtschaft selbstständig und veranstaltet darüber hinaus gemeinsam mit dem ehemaligen Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink eine Reihe von Kongressen zum Thema Gesundheitswirtschaft. Die Tagungen gelten als Branchentreffen, sei es der Hauptstadtkongress in Berlin, seien es die Experten, die in Hamburg beim Gesundheitswirtschaftskongress die Zukunft diskutieren – in diesem Jahr nun zum vierten Mal.

Dieses Mal applaudierten die Freunde, als Lohmann seinen Wechsel in die freie Wirtschaft Richtung Gesundheit ankündigte: „Gesundheitswirtschaft – das ist die Zukunftsbranche.“ Für die eigene Zukunft als Berater brachte Lohmann neben seinem Ideenreservoir und der Erfahrung ein unvergleichliches Netzwerk von Kontakten mit, darunter zahlreiche ehemalige Führungskräfte aus dem LBK. Die Kongresse und der Vorsitz in der Initiative Gesundheitswirtschaft e.V. tragen dazu bei, das Netzwerk weiter und dichter zu weben. Auch in Österreich ist Lohmanns Beratungsunternehmen inzwischen aktiv, und die Österreicher werden auf dem Hamburger Kongress gut vertreten sein. Über die Beratungstätigkeiten hinaus strebt Lohmann derweil auch Beteiligungen an Start-ups in der Gesundheitswirtschaft an. „Wir sind keine Finanziers, sondern Kompetenzinvestoren.“

Wer vor dem Hintergrund dieser Karriere glaubt, Lohmann habe sich treiben lassen, irrt. Er ist ebenso zielstrebig wie weitblickend. „Die Zukunft wird heute entschieden“, sagt er und schmiedet eigentlich unentwegt Pläne und Konzepte. Zukunft – das ist für Lohmann ein Leitmotiv. Er sprudelt über vor Visi­onen. Das Geld, sagt er, muss man heute verdienen, aber das Morgen im Blick behalten und die heutigen Entscheidungen davon ableiten. So hat er heute schon das Krankenhaus der Zukunft im Blick, das ein kom­plettes Gesundheitszentrum sein soll, vom Klinikbett bis zur Reha.

Lohmann sammelt Kunst und Künstler
Wenn man sich mit Heinz Loh­mann in seinen Geschäfts- oder Privaträumen unterhält, ist die Kunst nicht weit. Ein rätselhaftes Bild, ein minimalistisches Gemäl­de, und irgendwo blinkt immer irgendetwas – sei es, dass man einer verdrahteten Installation von Klaus Geldmacher gegenübersitzt oder auf eine Komposition mit Leucht­

dioden von Francesco Mariotti blickt. Lohmann und seine Frau Ulla sind Kunstsammler. „Das heißt, eigentlich sammeln wir Künstler – und das seit 40 Jahren.“ Mit vielen dieser Künstler verbindet die Loh­manns eine Freundschaft. Daraus ist eine umfangreiche Sammlung entstanden, aber keine herkömmli­che Kollektion von Gegenwarts­kunst. Die Lohmanns sammeln nicht auf Repräsentation, die Be­stände sind vielmehr ein Porträt der Sammler, ihrer Interessen und Vorlieben – und ihrer Freund­schaften mit Künstlern. Auch diese sind Visionäre.

Viele Aspekte zeigt das Sammler­paar in der eigenen kleinen Galerie auf der Hamburger Uhlenhorst. Hier empfangen die Lohmanns an­dere Kunstfreunde, präsentieren stolz, was sie an neuen Talenten und Strömungen entdeckt haben und was sie schon über Jahre verfol­gen. Die Ausstellungsräume sind eigentlich eine kleine Wohnung, die immer wieder auch den Künst­lern als Unterkunft dient. Die Loh­manns sind Sammler aus Leiden­schaft, nicht aus Gründen der Repräsentation und Eitelkeit. „Wir haben nicht das Ziel, die Arbeiten geschlossen zu erhalten.“ Kunst als Inspiration, als Kraftwerk für den Alltag.

Journalismus als Leidenschaft
Die Selbstständigkeit ist geschafft. Ein Punkt blieb noch offen: der Journalismus. Aber auch das hat Lohmann hingekriegt. Im Rahmen der Kongresse begann er, Unter­nehmer zu interviewen. Nicht um deren Leistungen abzufragen, son­dern um zu erfahren, warum sie tun, was sie tun, was sie geprägt hat. Das fand so großes Interesse, dass Lohmanns Moderationen seit drei Jahren ein Mal im Monat beim Sender „Hamburg 1“ unter dem Titel „Mensch Wirtschaft!“ ausge­strahlt werden.

Berater, Moderator, Kunstsammler – ein zeitraubendes Programm, das den agilen Streiter für den von staatlicher Reglementierung befrei­ten Wettbewerb auf dem Gesund­heitssektor offenbar noch nicht erschöpft. So erfüllt Lohmann seit zehn Jahren auch noch einen Lehr­auftrag an der Hochschule für ange­wandte Wissenschaften in Ham­burg, wo er in einem praxisnahen Programm den Nachwuchs für die Branche schult. Die Unternehmen sehen es gern und bringen unter­dessen zu den Firmenbesuchen der Studiosi schon gern einmal die eigenen Personalberater mit, die den Jungakademikern nicht nur den Geschäftsalltag, sondern auch die Vorzüge der Unternehmen für die Mitarbeiter nahebringen, er­zählt Lohmann. Und dann wartet im Vorzimmer schon der nächste Besucher. Ein Krankenhauschef.

 

Die GesundheitsWirtschaft, Heft 4/08
Von Dr. Gisela Schütte


 

Mut zur Veränderung, Essay von Bernhard Fischer-Appelt

Heinz Lohmann im Vorstand des Krankenhausunternehmens LBK Hamburg tritt Mitte der 90er Jahre mit der Vision an, mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen zuzulassen und das Gesundheitssystem zu einer Gesundheitswirtschaft zu entwickeln. Er nimmt damit eine Entwicklung vorweg, die Jahre später immer mehr zur Realität werden wird. Damals muss er die Menschen in den Krankenhäusern, die Ärzte, das Pflegepersonal, aber auch Politiker von seiner Idee überzeugen, in einer Vielzahl von aufreibenden Auseinandersetzungen und Diskussionen. Es gelingt ihm, denn der LBK wagt als eines der ersten Krankenhausunternehmen Deutschlands den Aufbruch. Eine Entwicklung, die viele Jahre in Anspruch nimmt, die Lohmann anführt und immer wieder mit intensiven Gesprächen begleitet, um die Betroffenen von der Richtigkeit des Weges und von den nächsten notwendigen Schritten zu überzeugen. Den Kerngedanken, Menschen durch hervorragende Medizin zu helfen, lässt er dabei niemals außer Acht, sondern stellt ihn auf neue Beine, um ihn für die Zukunft zu sichern. Doch Lohmann ist nicht nur für Visionen zuständig, sondern als Entscheider vor allem auch für deren Umsetzung verantwortlich. Als Chef muss er in den Phasen des Auf- und Umbruchs die manchmal bitteren Wahrheiten verkünden, Personal abbauen und Maßnahmen wie die Schließung des Hafenkrankenhauses durch- und umsetzen. Überzeugen, vergewissern und aktivieren - für eine moderne Gesundheitswirtschaft mit dem Focus auf Qualität.

 

Bernhard Fischer-Appelt
Führen im Grenzbereich
21 Persönlichkeiten
Mit dem Mut zum Wandel


 

Der Visionär
Portrait Heinz Lohmann

In seinem Büro ist nichts Standard. Hier findet man graue Schränke ebenso wenig wie metallene Sitzmöbel oder einen Papierkorb aus Plastik. Heinz Lohmann, noch bis Mitte des Jahres Vorstandsprecher des LBK Hamburg, ist Kunstliebhaber und das spürt man auch in seinem Arbeitsumfeld. An der Wand über der roten Designercouch hängt ein Etwas, verworren anzuschauen, aber irgendwo spannend, und auf Nachfrage erfährt man, dass dies ein Portrait des Büroinhabers ist.

Wenn man ihn nicht stoppt, redet der Sammler und Mäzen ohne Unterlass über Kunst. Diese Begeisterung teilt Lohmann mit seiner Frau. Gemeinsam mit ihr unterhält er eine private Galerie mit einer auf Gegenwartskunst spezialisierten Sammlung. Künstler unterstützt er ein Leben lang. Immer mal wieder lebt und arbeitet einer von ihnen in der Galerie-Wohnung. Das Interesse für die Kunst hat Lohmann schon in seiner Kindheit entdeckt. Wenn seine Mitschüler längst die Nase voll hatten von Museumsbesuchen, konnte Lohmann gar nicht genug bekommen. Bis heute macht er jedes Jahr reine Kunstreisen, besucht etwa in sieben Tagen zwölf Kathedralen in Nordfrankreich. Das erste Werk für seine inzwischen umfangreiche Sammlung schenkte ihm ein Maler, weil Lohmann als Jungspund für ihn die erste Ausstellung organisierte. Die Verbindung hält bis heute. Lohmann ist treu.

 

Er strahlt die zarte Feinheit kluger Menschen aus, die sich mit schönen Dingen beschäftigen. Alles an ihm ist gepflegt, geschmackvoll und hochwertig, von den Schuhen bis zur Designerlampe auf seinem Schreibtisch. Er wirkt zurückhaltend und taktvoll. Dabei erforderten die Probleme, mit denen er es im Beruf zu tun hatte, oft alles andere als Feinsinnigkeit. Lohmann war seit seinem Studium immer Leiter, Planer, Chef. Da wird oft mit harten Bandagen gearbeitet: "Die Gesundheitsbranche ist die letzte, die in Bewegung geraten ist am Ende des 20. Jahrhunderts und sich jetzt so wandelt, wie kam eine andere," sagt er, und ein solcher Prozess geht nicht ohne Blessuren ab. Die Veränderungen kosten auch Arbeitsplätze.

„Um in der Branche das zu erreichen, was wir jetzt brauchen, muss man Visionär sein,"  sagt Lohmann. Viele Kollegen würden ins Gesetz schauen, wenn sie etwas bewegen wollten, aber Gesetze seien der Konsens der Vergangenheit, ein abgeschlossener Prozess. „Wir müssen uns vielmehr fragen, was in zehn oder fünfzehn Jahren gebraucht wird, und dazu muss man Visionen entwickeln." Lohmann will Patienten zu Kunden der Krankenhäuser machen. Seine Analyse klar und einfach: "Wir haben eine sinkende Zahl von Menschen, die immer älter werden, und andererseits eine Medizin, die immer mehr leisten und das Leben verlängern kann. Wir haben die Grenze der solidarischen Finanzierung erreicht. Das ist das Problem, mit dem wir augenblicklich kämpfen: eine auseinandergehende Schere." Eine Lösung könnte sein, die Leistungen zu begrenzen, das aber wäre inhuman. Inzwischen habe sogar die Politik verstanden, dass die Lösung nur Wettbewerb, sich verschärfender Wettbewerb sein kann. „Ich sage immer zu meinen Leuten: Ihr habt zwei Hände. Mit der einen helft ihr und mit der anderen kassiert ihr."  So funktioniere Marktwirtschaft im Gesundheitswesen. Niemand arbeite in der Branche, um selbstlos und kostenlos für andere da zu sein. „Wenn jemandem geholfen wird, müsse er auch dafür zahlen."

Aber bezahlbar soll sie bleiben, die Medizin der Zukunft, so wie Lohmann sie sich vorstellt. ER will medizinische Behandlungen zu Markenprodukten machen: unverwechselbar, qualitativ hochwertig und zu anständigen Preisen. Um das zu erreichen, müsse man nicht einmal ein besonders innovativer Manager sein, sagt er. „Im Prinzip müssen wir doch nur kopieren, was uns andere Branchen vor Jahren bereits vorgemacht haben." Der Weg der Gesundheitswirtschaft ist für Lohmann klar vorgezeichnet: „Weg von den Einzelpraxen, Einzelkrankenhäusern, Einzelapotheken. Wir müssen interdisziplinär, interprofessionell und IT-basiert arbeiten und Städte und die sie umgebenden Flächen miteinander verbinden. Das ist ein Umbruch, der wohl die nächsten fünfzehn Jahre andauern wird!" (...)

Lohmann ist höflich und auffallend verbindlich, den Kaffee trägt er selbst zum Gast. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer, der sich schnell auf sein Gegenüber einstellt. Er merkt sich, was der Gesprächspartner sagt und geht später, fast nebenbei, darauf ein. „Ich klaue auch gerne mal einen Gedanken, wenn er mir gefällt", gibt er ungefragt zu. Lohmann gewinnt durch Leidenschaft: Bei allem worüber er redet, sei es Kunst, Menschen oder die Gesundheitswirtschaft, spürt man Ernsthaftigkeit und Engagement. Und vielleicht ist es das, was ihn ausmacht: Lohmann geht auf den anderen ein, nimmt ihn mit und vermittelt mit Leichtigkeit, dass Träume und Visionen realisierbar sind. Er ist ein Anhänger des Individuums und er Netzwerkgesellschaft, und er ist der Überzeugung, dass wir augenblicklich einen so fundamentalen Umbruch  erleben, wie er zuletzt am Ende des 18. Jahrhunderts stattgefunden hat: „Wir haben all das, was es zu jener Zeit auch gab: Populismus, Restauration, Ängste. Deshalb haben die Menschen den Wunsch, Dinge einfach und schön zu machen. Wir malen wieder Bilder mit hübschen Mädchen im Sonnenschein und ganz romantisch." In einer solchen Zeit brauche man Orientierung, und die will Lohmann geben. Von einer einmal gewonnenen Überzeugung lässt er sich so schnell nicht abbringen. Er sammelt auch Kunst, die nicht dem Mehrheitsgeschmack  entspricht und er hat sich gegen viele Widerstände jahrelang für die Privatisierung des LBK eingesetzt. „Ich kann zwei Dinge gut: reden und Menschen überzeugen,"  sagt er. Und er scheut sich nicht davor, sich den Hut aufzusetzen. Schon während der Schulzeit war er Schulsprecher. Verantwortung zu übernehmen, hat er vom Papa gelernt. Vater Lohmann war Geschäftsführer einer Einzelhandelskette und dort für das Personal verantwortlich.

Menschen, die ihn kennen, sagen Lohmann sei uneigennützig. Man glaubt das spätestens, wenn er von den Künstlern erzählt, die er unterstützt: „Mein Engagement ist der Dank für das, was ich von den Künstlern bekommen. Wenn ich eine Vernissage organisiere, gebe ich ein klein wenig von dem zurück, was mir gegeben wird an Freude und  vor allem  Beratung."

 

kma, Das Magazin für Gesundheitswirtschaft
Januar 2005
Von Sara Stern


 

Dramaturgie des Sparens
Miteinander sprechen, wo Hamburg am schönsten ist: an der Alster.
Ein Spaziergang mit Heinz Lohmann

Die Entscheidung steht, an diesem Dienstag wird sie im Senat besiegelt, und dann ist es amtlich: Hamburgs staatliche Krankenhäuser, zusammengefasst im LBK Hamburg werden privatisiert. Zwar schrittweise, aber konsequent. Und der Mann, den dieser Eigentümerwechsel ganz unmittelbar betrifft, ist anders als man vermuten könnte, nicht etwa dagegen, sondern dafür: Professor Heinz Lohmann,  55, Vorstandssprecher des LBK Hamburg. (...)

Der eher schmächtige Krankenhausmanager neben mir, in Emden geboren, ist für seine Zähigkeit und für die, sagen wir, Unbekümmertheit bekannt, mit der er seine Ansichten vertritt. Er hat in Hamburg Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert, er hat an Projekten der empirischen Sozialforschung mitgearbeitet, er hat Erfahrungen als Stadt- und Regional- planer in der Privatwirtschaft, und er war Abteilungsleiter für Sozial- und Gesundheitsplanung in der zuständigen Behörde. 1992 trat Heinz Lohmann als Personalvorstand in den LBK Hamburg ein, Vorstandssprecher ist er seit 1997. Das ist insgesamt ein profunder Hintergrund für einen Top-Manager an der Spitze eines riesigen Krankenhausapparats. Um welche Dimensionen es dabei geht, erläutert er mir mit folgenden Zahlen: „Der LBK Hamburg ist mit 12 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Hansestadt. Diese Belegschaft ist in sieben Krankenhäusern und mehr als 20 Servicegesellschaften, Tochter- und Beteiligungsunternehmen tätig - konkret in 370 Gebäuden mit 72 000 Räumen..."

„...wie viel Patienten werden jährlich versorgt?"

„...410 000, davon 175 000 stationär und 55 000 teilstationär. Wir haben eine Bilanzsumme von 1,2 Milliarden Euro und einen Umsatz von 725 Millionen Euro."

Wir sprechen über das eindeutige Abstimmungsergebnis, mit dem sich eine klare Mehrheit gegen einen Verkauf des LBK Hamburg ausgesprochen hat. Subjektiv, so gibt er mir zur Antwort, könne er das nachvollziehen, objektiv aber seien solche Befürchtungen, etwa im Hinblick auf eine schlechtere Patientenversorgung, um die Rendite zu steigern, unbegründet: „Eine der Schwierigkeiten, mit denen wir heute in der Gesundheitspolitik zu kämpfen haben, ist die mangelnde Transparenz. Das ist fast eine Geheimwissenschaft geworden. Nur noch ein ganz kleiner Kreis von Experten hat den Durchblick, den man braucht, um beurteilen zu können, welche Maßnahmen für bestimmte Ziele erforderlich sind. Ich bedaure das, weil es eine rationale Diskussion erschwert."

Nach einer kurzen Pause fügt Lohmann an: „Ob Privatisierung oder nicht - wir bewegen uns heute auf einem Gesundheitsmarkt. Das kann niemand bestreiten. Der Wettbewerb ist in vollem Gange. Die Gesundheitsbranche muss lernen, dass es nun um Wettbewerb, Marketing und Management mit dem Ziel der Kostenkontrolle auch in der Medizin geht. Wenn es im Übrigen einen Markt gibt, der sensibel auf mangelnde Qualität reagiert, dann ist es dieser. Wer sich auf diesem Markt behaupten und Geld verdienen will, um auf seine Kosten zu kommen, muss langfristig und verlässlich nicht nur durchschnittliche, sondern sehr gute Medizin anbieten. Das ist kein Terrain für Leute, die das schnelle Geld machen wollen."

Der Senat begründet die schrittweise Privatisierung des Landesbetriebs Krankenhäuser mit der Feststellung, aus eigener Kraft könne der LBK seine strukturellen Probleme nicht lösen, und ich möchte von Heinz Lohmann wissen, wieso. Das erklärt er mir aus dem Handgelenk:

„Wir nehmen genug Geld ein, um die laufenden Zahlungen zu leisten, und wir können einen kleinen Teil der Investitionen und der Zinsen für die Verbindlichkeiten von rund 500 Millionen Euro selbst finanzieren. Aber das genügt nicht." Das Problem bestehe darin, dass der LBK jährlich mehr als 30 Millionen Euro für Betriebsrenten aufwenden müsse. Hinzu komme der Schuldendienst, und: „wir müssen investieren, und zwar kräftig. Die Kosten für das neue AK Barmbek zum Beispiel schlagen allein für uns mit rund 50 Millionen Euro zu Buch. Solche und andere Lasten kann der LBK Hamburg nicht allein schultern." Deshalb führe an der Privatisierung kein Weg vorbei.

Meine Frage, was eigentlich den Gesundheitsmarkt mit einem Wettbewerb, den es früher nicht gab, hat entstehen lassen, beantwortet der LBK-Chef, der auch an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in der Hansestadt lehrt, so: „Dieser Wettbewerb beruht darauf, dass einerseits die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen als Folge des medizinischen Fortschritts und der Altersstruktur steigt, und andererseits die solidarische Finanzkraft der Krankenversicherung sinkt. Das ist eine Schere, mit der jedes entwickelte Gemeinwesen fertig werden muss." (...)

Seine Botschaft ist im Grunde simpel, so kompliziert die Strukturen auch sind: Nur unternehmerisch geführte Krankenhäuser haben eine Zukunft.

Dieser Gesundheitsmanager präsentiert mir, nach welchen Fakten ich ihn auch frage, die betreffenden Daten aus dem Stehgreif. Ich glaube, Gesundheitspolitik ist seine Passion. Er hat noch eine zweite, die ich in seiner Wohnung unweit der Alster besichtige: Experimentelle Gegenwartskunst. Bei einigen der Kunstwerke, die er mir mit großem Engagement zeigt, habe ich Zugangsprobleme, die ich nicht leugnen will. Ein andermal, das beschließen wir zum Abschied, wollen wir darüber reden, was aus der Gesellschaft wird. Heinz Lohmann glaubt, dass wir es uns nicht mehr lange werden leisten können, brisante Probleme an Runden Tischen und in Talkshows im Kreise zu drehen.

Das ist eine Überzeugung, die ich wahrlich teile.

 

Welt am Sonntag Hamburg, 22.08.2004
(Serie Alsterspaziergang von Uwe Bahnsen)


 

Kunst ist ein saures Geschäft 
Warum Heinz Lohmann Gegenwartskunst sammelt 

  „Meine Eltern hat­ten zwei Bilder von einem Maler namens Schmidt. Der klebte bei uns auch die Tapeten an die Wände", erinnert sich Professor Heinz Lohmann (55). Der Schalk sitzt ihm immer im Nacken. „Bei mir aber ist Kunst eine Pas­sion geworden, die weit über's Hobby hinaus geht. Gott sei Dank geht es mei­ner Frau genauso. Alles andere wäre un­denkbar.""

Der Vorstandsvorsitzende des LBK Hamburg ist sowohl einer der profiliertesten Krankenhausmanager in Deutschland, als auch in der Kunstszene bekannt wie der bunte Hund. „Für uns ist die Gegen­wartskunst ein Stück unserer Familie. Denn der Ausgangspunkt ist immer die Künstlerin oder der Künstler selber. Aber zum Schrecken unserer Freunde beschäf­tigt uns die ganz innovative Kunst, worin der Künstler eine Perspektive entwickelt." Lohmann hält inne: „Es genügt mir nicht die destruktive Analyse im Kunstwerk. Denn mein Lebensgefühl lautet: Nach vorne gucken, obwohl die Lage schwierig ist." (...)

„Mich reizt es, abends in ein Atelier zu gehen und dort mit dem Künstler zu sprechen. Auch in der Kunst gibt es for­male Fragestellungen wie: Haben wir einen Werteverfall? Oder Woher kommt die Mutlosigkeit der Eliten, sich zu Werten zu bekennen? Mich fasziniert auch, was meine Managerkollegen in der Kunst sponsern. Ich beobachte bei den Kollegen eine große Ängstlichkeit gegenüber aller experimenteller Kunst."

Lohmann, der 1948 in Emden geborene Wirtschafts- und Sozialwissen­schaftler, hat aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. „Für mich gilt der Grundsatz: Nicht an alten Rezepten weiterstricken. Die großen ideologischen Gesellschaftsmodelle passen heute hin­ten und vorne nicht mehr. Unsere Indus­triegesellschaft geht ihrem Ende zu und wir befinden uns heute bereits in einer Netzwerkgesellschaft."

 

Auf Klassenfahrten nach Amsterdam lernte Lohmann den Expressionismus kennen. Der Maler Toulouse-Lautrec und die Umbruchkünstler Ende des 19. Jahr­hunderts hatten es ihm damals angetan. An seinen Kunstlehrer, an Emden, erin­nert sich Lohmann gern. Auch wenn die alte ostfriesische Metropole im 2. Welt­krieg total zerbombt worden ist, habe Emden schon damals einen kulturellen Anflug besessen: „Als Gymnasiast hatte ich ein Theaterabo in Oldenburg und dann gab's in Emden noch eine Wander­bühne und einen Jazzclub. Mein Onkel war der Schulfreund von Henri Nannen." Der habe mit seinem Museum für Emden Wichtiges geschaffen.

„In der Schulzeit habe ich meine ersten kleinen Ausstellungen organisiert und 1969 die erste Ausstellung mit Janós  Nadásdy. Die erste Radierung von ihm war der Beginn unserer Sammlung von Gegenwartskunst. Meine Frau steckte in den 60-erJahren tief in der rheinischen Kunstszene mit Wolf Vostell und an­deren."

 

Die Selbstironie ist beim Chef des LBK nicht zu überhören: „Wir haben Woh­nungen gewechselt, weil die Wände voll waren. Jetzt haben wir höhere Wände und unsere Zweitwohnung stellen wir Künstlern für ihre Ausstellungen zur Ver­fügung. Zur Eröffnung laden wir Men­schen ein, die sonst nicht zusam­menkommen: Künstler, Musiker, Leute aus der Wirtschaft. Die letzte Eröff­nungsrede hat ein Psychiater gehalten, weil die Arbeiten der Künstlerin Alke Brinkmann autobiographisch sind."

Lohmann lebt mit seinen Erwerbungen. Selbst in seinem Büro hängen und stehen Kunstobjekte. Doch das fällt dem Besucher erst dann auf, wenn ihm be­wusst wird, dass er sich bei einem echten Sammler befindet. Die Lichtquelle neben Lohmanns Schreibtisch zum Beispiel ist ein Objekt von Klaus Geld­macher, ein ehemaliger Schallplatten­spieler, dessen Funktionsteile von Licht umgeben sind.

„Gegenwartskunst hat nichts Ein­schmeichelndes, ist aber unmittelbar intim. In dieser Kunst erkenne ich Pa­rallelen zu meinem anderen Denken: Vordenken - anecken." Das „andere Denken" des Managers kreist dauernd um Methoden und Wege der kauf­männischen Sanierung des maroden deutschen Krankenhauswesens, um die er sich in Dutzenden von Publikationen und Fachbüchern bemüht. Nichts ist dem früheren Abteilungsleiter in der Hamburger Gesundheitsbehörde grau­siger als Anpasserei.

Lohmann hält auch mit seiner sehr individuellen Interpretation von Kunst nicht hinter dem Berg: „Kunst ist harte Auseinandersetzung, ja Besessenheit, sich mit einer Idee auseinander zu set­zen. Kunst ist ein einsames Geschäft, weshalb es für Künstler wichtig ist, dass man in ihr Atelier kommt. Gerade in Führungspositionen ist es wichtig, mit Personen, die weniger privilegiert sind, zu sprechen. Denn als Manager steckt man immer in der Gefahr, dass man Dinge gesundbetet. Da hilft es mir ganz unmittelbar, wenn ich mit einem Künst­ler streiten kann." Dabei lacht Lohmann über sich selbst: „Ich zweifle, dass jede Sammlung aufbewahrt werden sollte. Man muss nicht alles ewig aufheben. Ich finde, es reicht schon, wenn die Samm­lung oder das Kunstwerk für einen einzelnen Menschen ein Gewinn ist." Daher ist es nur konsequent, dass er und seine Frau niemanden mit „unserer Sammlung" belasten wollen.

Wie ernst ihm trotzdem die Kunst­passion ist, unterstreicht der Kranken­haussanierer mit dem Satz: „Ich selbst male nicht, weil ich viel zu großen Respekt vor der Professionalität der Künstler habe."

 

Schümann´s Hamburger, 10.02.2004
Von Franz Wauschkuhn


 

Zwei Seelen im Gesicht - Portrait

ICH HASSE, steht da geschrieben. In großen, roten Buchstaben, mitten auf dem Badezimmerspiegel. Heinz Lohmann lächelt. Der rechte Mundwinkel hebt sich, der linke fällt. Der Mund wird zu einem schmalen S, mehr noch als auf dem Foto rechts. Decken Sie doch mal ein Blatt Papier über eine Gesichtshälfte. Lohmann hat zwei Gesichter in einem: links ist Freude, Wärme; rechts, wo der Finger liegt, Mühe und Härte. ICH LIEBE, steht natürlich auch auf dem Spiegel. „Ich schwanke zwischen beiden Polen", sagt Lohmann, „zwischen Schmusekurs und Schmirgelpapier".

Er zeigt seine Wohnung. Drei Zimmer, Küche, Bad, Parkett, Raufaser, ein Sofa, zwei Tische, sechs Stühle, alles schlicht, alles unwichtig. Was hier zählt, sind die Gemälde, die Lichtwürfel und Siebdrucke; das gerahm­te, blinzelnde Auge, die bunten Glühbirnen, gegossen in Beton, der kleine VW-Käfer, gefüllt mit Hirsekörnern. Kunst ist sein Leben, junge Kunst. „Das Moderne ist das Interessante."

Heinz Lohmann ist einer der Modernen in Deutsch­lands Gesundheitswirtschaft - und einer der Wichtigen. Er führt den LBK in Hamburg. Als er in den Vorstand aufstieg, war der Be­trieb fast Pleite; heute ist der LBK mit sieben Kliniken, 12 600 Mitarbeitern und 750 Mio. € Umsatz einer der größten Gesundheitskonzerne Europas.  „Toll, was er ge­schafft hat", sagt selbst Frank Ulrich Montgomery, Chef des Ärzteverbands Marburger Bund, und er ist nicht ge­rade Lohmanns Freund: „Der LBK behandelt Ärzte wie Putzlappen."

Als Lohmann den Vorwurf hört, rührt er keinen Ge­sichtsmuskel. „Ach, das ist Interessenmanagement. Die Ärzte fürchten um Macht und Geld." Angst können sie auch haben, vor Lohmann, „diesem schwierigen Men­schen", wie Montgomery sagt. Immer wieder fordert der LBK-Chef sie heraus. An Himmelfahrt hielt er einen Vor­trag vor 90 Chefärzten. Er legte eine Folie auf: „Wie sieht der Chefarzt in zehn Jahren aus?" Pause. Nächste Folie: „Es gibt ihn nicht mehr." Gelacht hat nur einer. „Das war witzig." Und wahr. Vorbei sei die Zeit der Chefärzte, die zugleich Manager und Mediziner sind. Sie sollen das Managen den Experten überlassen.

In vielem schreitet Lohmann voran. Die Politik führt die Bezahlung per Fallpauschalen ein? Der LBK rechnet so seit sieben Jahren ab.  Der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass Bereitschaftsdienste Arbeitszeit sind? Der LBK hat schon eine Lösung erprobt - als Einziger in Deutschland, lobt der Marburger Bund.

Im Krankenhaus Altona können Ärzte wählen: Wollen sie 48 Stunden in der Woche arbeiten und Zulagen kassieren oder reichen ihnen 38,5 Stunden. Nun gibt es keine Doppelschichten mehr. Sechs Ärzte hat das Krankenhaus eingestellt - mit dem Geld, das es bei den Zulagen spart. Die anderen Häuser werden das Modell übernehmen.  

„Es war Lohmanns Idee", sagt Robert Pfeiffer, Chef von KLINOVA, der Sparte, die den LBK-Um­bau vorantreibt. „Er sagte: ,Ich will fitte Ärzte!'" Nur so werde der LBK auch fit für den Wettbewerb. Wettbewerb ist. Loh­manns Lieblingswort. Er  will sich messen, gewin­nen. Die Politik solle Klini­ken zwingen, „Leistungsdaten offen zu legen", for­dert er. Die Schlechten würden bestraft. „Die Menschen gehen sicher nicht in ein Krankenhaus, wo die Sterblichkeit bei einer Operation höher ist." Sie wer­den zum LBK gehen, hofft er. „Wir werden gut sein und günstig."  Das Rennen dahin hat schon begonnen. „Es geht bei ihm zack, zack, zack", sagt Robert Pfeiffer. So schnell, dass sich Katharina Ries-Heidtke, die Chefin des Personalrats, manchmal fragt: „Wo ist der denn jetzt? Seine Gedanken machen sich selbstständig." ­-

Das passiert auch, wenn Lohmann die Kunst in seiner Wohnung präsentiert. Nach links und rechts springt er, ein kleiner Mann, er fegt durch Flur, Schlafzimmer, Bad, er redet und redet, quetscht dabei die Worte durch den Mund. Er erzählt von János Nádasdy, der sich im LBK Herzoperationen anschaute, bevor er den Herz-Lungen-Maschinisten malte. - „Danach brauchte er einen Schnaps." Und er zeigt an die Decke, wo in der Ecke blaue, rote, grüne Knuddeln kleben, gedreht aus Kartof­felsäcken, Tomatennetzen. Wie Efeu sieht's aus. „Man hat das Gefühl, es wächst. Wenn Handwerker hier sind, tuscheln sie: ,Die haben doch einen an der Waffel.'"

So plaudert er sich von Werk zu Werk, und irgend­wann beginnt er, wie es seine Art ist, „durch Formulieren Ideen zu entwickeln". Die Gedanken geraten außer Kon­trolle, münden in Sätze wie diesen: „Ich beschäftige mich mit Gegenwartskünstlern, weil ich davon über­zeugt bin, dass dieses - auch wenn man abends im Ate­lier ist - dass dieses Rausgehen aus der Spur, also die Welt mit Menschen zu diskutieren, die andere Probleme haben, die zunächst einmal andere Sichtweisen haben, dass das außerordentlich wichtig ist, weil das relativiert das, worin man selber drin steckt."

Und will man ein Wörtchen zwischenschieben, so spricht er einfach weiter, umzingelt einen mit Silben und schlägt mit der Zunge alles nieder, was sich seinem Gedankenfeldzug in den Weg stellt. „Es ist nicht leicht, mir zu widersprechen", sagt Lohmann. Frank Ulrich Montgomery vom Marburger Bund nennt das „napoleo­nischen Führungsstil". Der LBK-Chef befrage die Chef­ärzte nicht genug, höre ihnen nicht zu. „Sicher tritt er gegen über den Ärzten klar und bestimmend auf, sagt Personalrätin Ries-Heidtke. „Aber das hat seine Berech­tigung. Viele Ärzte halten sich für etwas Besseres, wider­setzen sich dem Umbau." Und der ist nötig. Lohmann will die Mehrheit am LBK verkaufen. Er braucht Geld. Pensionsaltlasten bedrohen den Konzern. „Wenn wir Kapital kriegen, haben wir die Chance, in den Himmel zu kommen, ein Player zu werden in Nordeuropa. Aber ohne dieses Kapital geraten wir in den Schlund."

Investoren kann er einiges vorzeigen: Er hat 3500 Stel­len abgebaut, und zwar so, dass Hamburgs Verdi-Chef,  Wolfgang Rose ihm „ein gutes Zeugnis" ausstellt. Loh­mann hat Küche und Wäscherei ausgelagert, das IT-Sys­tem vernetzt, den Einkauf gebündelt. „Da war der LBK in Deutschland wegweisend", sagt Ralf Gieseke, Ge­schäftsführer von Medtranet, einer IT- Tochter von Fresenius. Ein Viertel der Kosten hat Lohmann gekappt. Jetzt soll die Produktivität wachsen. „Wir müssen schneller laufen, auch die Ärzte. Aber manche stehen auf der Bremse. Das macht mich bockig."

Packt ihn die Wut, und sie packt ihn regelmäßig, wird sein Gesicht bleich, der Mund schmal und die Sprache knapp. „Dann macht man besser eine Gesprächspause", sagt Verdi-Chef Rose. „Aber er ist nicht nachtragend." Und so lädt Lohmann Gegner auch mal in seine Galerie ein, steht an der Tür, nimmt die Mäntel ab, reicht Sekt und Programm.

Er führt die Galerie, C15, zusammen mit seiner Frau Ulla. CI5 ist eigentlich eine kleine Wohnung. Künstler wohnen, arbeiten dort. „Ulla und Heinz leben alleine. Die Künstler sind ihre Kinder" , sagt die Malerin Barbara­ Kathrin Möbius. Heute stellt Sascha Kürschner aus, den Lohmann in Kreuzberg, „im zweiten Hinterhof, Aufgang­ neun aufgegabelt hat". 35 Leute sind gekommen, Manager, Ärzte, Schriftsteller, Nachbarn; Lohmann um­schwirrt sie, parlierend, er­klärend, Küsschen hier, Küsschen da. „Er hat den Zwang und die Lust, Leute um sich zu scharen", sagt KLINOVA-Chef  Pfeiffer.

Lohmann sei ein Ideen­händler. Er sammelt sie in den Gesprächen, rüttelt sie in seinem Kopf einmal tüchtig durch und gibt sie weiter, an seine Mitarbei­ter, auf winzigen Zetteln des Blocks, den er in seiner Brusttasche herumträgt.  „Manchmal ruft er auch nachts an, spricht auf den Anrufbeantworter, Wichtiges, mindestens so wichtig wie die deutsch-türkische Gesundheitskonferenz, von der Lohmann um  23.30 Uhr einem Mann erzählt, der sich lieber mit dem Cabernet Sauvignon beschäftigen würde. Dabei hat Lohmanns Gesicht etwas Angestrengtes", wie die Künstlerin Claudia Liekam sagt.

Sie kennt sein Gesicht. Sie hat es auf einen Scanner gelegt, „fünf Minuten aufs Glas gequetscht", und daraus ein Bild geschaffen, 2,40 mal 3,40 Meter. „Mein Gott, habe ich gedacht. Wenn ich ihm das zeigte. Es ist ja nicht schmeichelhaft, man sieht jede Pore, jede Bartstoppel." Aber ein Gönner schimpft nicht, er hilft. ,,1000 Einladungen haben wir in Briefumschläge gesteckt, zu viert. Heinz hat die ganze Zeit versucht, eine Strategie zu fin­den, wie er es schneller machen könnte, optimieren. Da­bei ist er fast verrückt geworden. Ulla und ich haben nur noch gelästert und gelacht. Optimieren!!!"

Zurzeit optimiert Lohmann den Ausstieg aus dem Budgetsystem. „Bekäme das Hofbräuhaus feste Bud­gets, müsste es alle Japaner vergraulen, damit die bloß nicht morgens um zehn Uhr Maßbier trinken. Genau so sind Krankenhäuser organisiert. Ihnen geht's am besten, wenn sie keine Patienten haben."

Der LBK hat begonnen, Verträge mit Krankenkassen zu schließen. Sie legen fest, wann der Patient operiert und entlassen wird. „Keiner soll zwei Tage länger blei­ben, weil die Sekretärin gerade keinen Arztbrief schrei­ben kann" Und lenkt eine Kasse mehr als die vereinbar­ten 100 Patienten in LBK-Kliniken, gibt's Rabatt.

Sicher, es ist nur ein Anfang. Auch im LBK seien Patienten noch unzufrieden. Aber die Pilotprojekte machen Mut, auch den Investoren. Und bringt der Käufer einen Chef mit, „erschreckt mich das gar nicht. Da liegen ein Haufen Ideen auf dem Stapel, von Leuten, die mich gefragt haben: Lass uns doch dies oder das machen."

Einmal war er dicht davor anzunehmen. Staatssekretär sollte er werden, in Thüringen. „Ich bin zur Entschei­dung hingefahren. Auf einem Bahnhof musste ich umsteigen. Ich bin durch einen Tunnel gegangen, es war trübe. Und da war ein Plakat: Besuchen Sie die Hambur­ger Kunsthalle. Da hab ich Zweifel gekriegt, ob ich in die richtige Richtung gehe."

 

Financial Times Deutschland, 15.09.2003 von Lorenz Wagner


 

Zur Person

Dr. Konrad Rippmann ist gelernter Chirurg, heute heilt er als Berater chronische Krankheiten von Unternehmen. Für das Hamburger Unternehmen LOHMANN konzept berät er heute u. a. Kliniken und Arztpraxen in Strategie- und Prozessoptimierung und trifft dabei auf ehemalige Kollegen. Nach 15 Jahren in der Patientenversorgung lernte er im Ausland, dass zu einem funktionierenden Gesundheitssystem neben einer exzellenten Medizin auch eine Kosten-Nutzen-Abwägung gehört. Diese Erkenntnis vertiefte er in Weiterbildung zur Betriebswirtschaft und Psychologie, um diese im damaligen Hamburger Landesbetrieb Krankenhäuser nicht länger als Arzt, sondern als Manager anzuwenden. Später war er in wechselnden Positionen und bei verschiedenen Firmen, blieb dem Thema aber treu. Bei manchen Kollegen spürt er noch heute ein Grundmisstrauen gegen das Management, beobachtet in der jüngeren Generation aber ein anderes Verständnis und eine höhere Aufgeschlossenheit für Kosten-Nutzen-Überlegungen. Er ist überzeugt, sich damals richtig entschieden zu haben, auch wenn er die Patientenversorgung noch ein paar Jahre lang vermisst hat. „Die Arbeit als Chirurg war befriedigend, weil man oft sofort den Erfolg sehen konnte. Bei meiner jetzigen Tätigkeit brauche ich mehr Geduld“, sagt Rippmann. Tauschen möchte er mit seinen früheren Kollegen nicht mehr. „Dafür ist es zu spannend, an der dynamischen Weiterentwicklung des Systems teilzuhaben.“

 

scio. Magazin rund um das ärztliche Leben, Ausgabe II / MMX


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